Die Heilige Kuh „Freispiel“

Etwas verzweifelt, da aussichtslos, suche ich derzeit eine Welpenstunde, in der den Welpen kein Freispiel gewährt wird.

Oh Gott!„, kann ich die Entsetzensschreie an den Bildschirmen förmlich hören, „Der arme Welpe!“  Tatsächlich gibt es aber mehr als einen guten Grund, einem Welpen nicht diesen längst überholten Unsinn zuzumuten und einige dürfen hier gerne nachgelesen werden. Wie für alle meine Texte gilt: Kopieren (oder verändert weiterverwenden) bitte nur auf Nachfrage. Ich möchte auch nochmal darauf hinweisen, dass ich als BlauerHund Trainer hier natürlich mit dem BlauerHundKonzept konform gehe und ich diese Sichtweise zum großen Teil Rolf C. Franck verdanke.

1) Das Freispiel stellt eine große körperliche Belastung für den kleinen Welpen dar. Es macht wenig Sinn, Sprünge im ersten Lebensjahr peinlichst zu vermeiden und die Spazierminuten auf das Wochenalter abzustimmen (gut, es soll Leute geben, die sich auch daran nicht halten), wenn die lieben Kleinen dann 45 bis 60  Minuten lang Bodychecks und Rennspiele einüben, und Purzelbäume schlagen dürfen. Schon mancher Welpe ging lahmend aus der heißgeliebten Welpenspielstunde – mögliche Folgeschäden an den zarten Gelenken oder Knochen nicht ausgeschlossen. Merkt man aber erst Monate (oder Jahre) später…

2) Das Freispiel stellt eine große psychische Belastung für den Welpen dar. Gerade noch behütetes Einzelkind auf Muttis Arm, bebt die Erde plötzlich unter dem Ansturm 16 Wochen alter Labbi-Welpen (nichts gegen Labbis)! Bevor sich Welpi richtig verhalten kann, liegt er schon am Boden, das „schöne“ Spiel beginnt! Mit korrekter, hündischer Körpersprache und Mimik kommt man in diesem Umfeld nicht weiter, kein erwachsener Hund setzt hier Grenzen, kein subtiles Hochziehen der Lefzen bremst die anderen aus. Hier heißt es: Rüpeln oder gerüpelt werden und ein schüchterner Hund lernt hier, dass andere Hunde ziemlich scheiße sind, wohingegen ein ohnehin schon taffer Welpe Mobbing und Nach-vorne-Gehen perfektionieren kann. Wenn man dann auch noch an einen Trainer gerät, der mit hirnlosen Sprüchen wie „das müssen die untereinander ausmachen“ oder „nicht helfen, das bestätigt ihn nur in seiner Angst“ daher kommt, dann lernt Welpi zudem, dass auf Frauchen absolut kein Verlass ist. Bindung ade!

3) Im Freispiel lernt der Welpe keine sozialen, sondern asoziale Umgangsformen. (S.o.) Frontales Aufeinanderzubrettern ist in der Hundewelt eher unüblich. Eine anständige Begegnung läuft so ab, dass sich ein Hund dem anderen möglichst nicht frontal und nicht allzu schnell nähert. Manchmal wird sogar am Boden geschnüffelt, als hätte man den anderen noch gar nicht gesehen, alles geschieht ruhig und beiläufig. Ein Welpe wird sich vor fremden Hunden lieber von seiner Schokoladenseite zeigen (d.h. von der Seite oder Bauch nach oben), heftig wedeln und extrem kleine Brötchen backen. Hat er aber in der Welpenstunde erfolgreich verinnerlicht, dass mit dem Anblick anderer Hunde quasi das Hallali zum Spielangriff geblasen wurde, haben wir distanzlose, dumme Welpen, die begeistert auf alle anderen Hunde zurennen – und ein entsprechendes Echo erhalten. Wenn sie das vertragen.

4) Im Freispiel lernt der Welpe, dass Frauchen oder Herrchen eine ziemlich langweilige Nummer ist. Natürlich sehen rennende und tobende Welpen begeistert aus und manche von ihnen (die, die nicht gemobbt werden zumindest), haben sicher ihren Spaß. Und man will ja kein Spielverderber sein… Aber während die Hunde voll aufgeputscht durcheinander rennen, kommt plötzlich wie aus dem Nichts eine Stimme, die immer lauter (und verzweifelter) „Fiffi, hier!“ ruft. Aber Fiffi hat gerade soooo viel Spaß und wird den Teufel tun, ausgerechnet jetzt das Spiel zu unterbrechen, um sich einen doofen, trockenen Krümel Futter abzuholen (gibt’s später für umsonst im Napf!). Und so lernt Fiffi, dass die Welpenstunde Spaß macht, solange sie nicht sinnlos von Frauchens Rufen unterbrochen wird. Ganz nebenbei lernt Fiffi auch, sowohl seinen Namen als auch das Abrufkommando komplett zu ignorieren und für alle Zeiten dieses menschliche Hintergrundrauschen erstmal auszublenden. Der Gipfel ist dann noch, wenn Frauchen versucht, Fiffi irgendein lahmes Spielzeug ins Maul zu schieben, und meint, das wäre jetzt gerade so lustig wie das Herumrennen. Wer seinem Welpen Freispiel gewährt, sollte dann lieber gleich Kaffeetrinken gehen und den Welpen erst wieder einsammeln, wenn er am Ende der Stunde platt am Boden liegt.

5) Im Freispiel lernt Frauchen/Herrchen…äh: Nichts! Anstatt gerade diese ersten Wochen zu nutzen und vor allem Ersthundebesitzern zu zeigen, wie man dem Hund beibringt, mit Frauchen zu spielen, an lockerer Leine zu laufen, immer zuverlässig zu kommen, ein wenig Sitz, ein bisschen Platz und vor allem wie man ihm hilft, ganz viele neue Eindrücke durch Begegnungen mit verschiedenen Menschen und Hunden (nach sinnvollen Spielregeln!) zu gewinnen, lernt der Mensch, dass der Trainer mehr weiß als er, dass der Welpe macht was er will, sobald andere Hunde anwesend sind, und dass er nach der Welpenstunde schön lange schläft. Der Welpe lernt (s.o.), seinen Namen zu ignorieren, dass Abrufen scheiße ist, und kein Mensch oder Spielzeug der Welt andere Hunde ersetzen kann. Vertane Zeit, vergebene Chance, rausgeschmissenes Geld.

Bin ich also absolut und kompromisslos gegen das Freispiel? Das kann ich mit einem klaren „Jein!“ beantworten! Eine „normale“ Welpenspielstunde würde ich keinem nagelneuen, heißgeliebten Welpen mehr zumuten. Stattdessen würde ich  meinem Welpen immer ganz viel Hundekontakt unter meiner Supervision erlauben, sprich er/sie sollte lernen, wie man sich anständigen Hunden gegenüber anständig nähert und wenn dann ein kurzes Spiel daraus entsteht, umso besser!  Hunde, die ich nicht kenne oder einschätzen kann, kämen nicht mal in die Nähe meines Welpen.

Zudem würde ich Welpi gelegentlich gezielt mit einem oder zwei Welpen (auch wieder unter meiner Aufsicht) kurz spielen lassen, am besten auf einem Spaziergang, auf dem alle in Bewegung sind. Zwischendurch kann man durch Abrufen unterbrechen und das Spiel beenden, lange bevor sich die Welpen in Ekstase gespielt haben und noch abrufbar sind. Merke ich, dass diese Ablenkung für meinen Welpen zu groß ist, sammele ich ihn kommentarlos ein und beende das Spiel. Da es mir wichtiger ist, dass mein Welpe auch in Anwesenheit anderer Hunde noch mit mir arbeiten will, nutze ich dagegen jede Gelegenheit, mit meinem Welpen in einer Gruppe mit anderen Hunden zu trainieren.

Das heißt: Sozialkontakte sind für unsere Hunde wichtig und unersetzlich, das Freispiel in der Welpenstunde nützt aber weder der Erziehung  des Welpen, noch der Erziehung zu sozialem Verhalten und schon gar nicht der Bindung zu seinem/n Menschen und ist zudem gesundheitlich nicht unbedenklich. Gerade weil ich möchte, dass meine Hunde sich auch als erwachsene Hunde noch mit möglichst allen anderen Hunden gut verstehen, sich instinktsicher verhalten und ich ihnen Sozialkontakte erlauben kann, suche ich weiter nach einer Welpenstunde OHNE Freispiel.

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3 Gedanken zu “Die Heilige Kuh „Freispiel“

  1. Pingback: Genial formuliert | Powernasen - Blog

  2. Gibt es tatsächlich noch Hundeplätze bei denen die Welpenstunde nur aus Freispiel besteht ? Ich glaub ich bin einfach verwöhnt… *am Kopf kratz*
    Bei uns besteht die Welpenstunde aus 30 – 45 min in denen Sitz, Platz, Abrufen, FUß etc geübt werden, sowie verschiedene Untergründe und Geräte erkundet werden können. Auch das richtige Spielen mit den Besitzer wird geübt.
    Erst in den letzten 5 – 10 min. dürfen die Welpis miteinander spielen, wobei sie so aufgeteilt werden, dass es kräftemäßig und von der Entwicklung her passt. Gemobbt wird bei uns auch nicht, dafür gibt es nämlich Übungsleiter, die das Spiel im Auge behalten 😉

    lieben Gruß,
    Jana

  3. Ja, leider gibt es solche Welpenstunden immer noch. Zuhauf. Das Verhältnis Freispiel zu „sinnvollem Tun“ steht hier ca. 80 % zu 20 % 😦 Ich muss sagen, dass ich persönlich das Spielen mit Artgenossen wohl prinzipiell außerhalb des Hundeplatzes verlegen würde.

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