Die Geister, die ich rief…

Eine wichtige Fähigkeit, die ein Welpe oder auch der erwachsene Hund lernen muss, ist, in bestimmten Situationen auf etwas Reizvolles zu verzichten, d.h. seinen unmittelbaren Impuls zu kontrollieren. Leicht lässt sich diese Fähigkeit durch positives Training entwickeln, bei dem die Belohnung für den Verzicht den angebotenen Reiz übertrumpft, so dass der Hund lernt, dass sich das Warten auf etwas Besseres lohnt. Letzendlich erfordert das vom Hund schon beinahe ein Konzept von der Zukunft zu haben: Wenn ich jetzt A tue/nicht tue wird B folgen. Mit einfachen Trainingsspielen wie dem „It’s your choice“ game oder dem 10-Leckerchen-Spiel lassen sich diese Situationen gut simulieren. Einziger Nachteil ist – so dachte ich bisher – dass die Hunde das Spiel sehr schnell lernen und immer schwieriger zu verführen sind. Man muss schon sehr kreativ sein, damit das Spiel für  erfahrene Hunde noch eine Herausforderung darstellt.

Leider ist das aber dann doch nicht der einzige Nachteil, wie ich dank zu vieler Aufenthalte in einem bekannten sozialen Netzwerk feststellen musste. Fotos von Hunden, die mit Leckerchen geradezu dekoriert werden, sind dabei noch harmlos und oft sogar humorvoll – den Hunden ist es wohl zumindest egal, wie doof sie beim Posen aussehen. Wirklich aufregen könnte ich mich aber über die Art und Weise, wie z.B. das „It’s your choice game“ verdreht wird, so dass man dann in unsäglichen Videos sehen kann, wie es gerade NICHT geht. Daher nochmal eine kleine Erinnerung, worum es beim „It’s your choice“ game und ähnlichen Elementen geht:

Der Hund hat prinzipiell eine WAHL (= choice!)

Das einzige, das wir dabei tun, ist ihn bei dieser Wahl minimal zu unterstützen und die richtige Wahl zu belohnen. D.h., dass beispielsweise ein Leckerchen in der Hand präsentiert wird und sich die Hand nur dann sanft (!) schließt, wenn der Hund ans Leckerchen möchte. Nicht einmal das ist nötig, wenn man den Abstand zu Beginn größer hält. Dabei wird KEIN Kommando wie „Nein“ oder „Lass es“ gegeben, es wird in keinster Weise auf den Hund Einfluss genommen. Lediglich das Leckerchen kann verschwinden, wenn der Hund heran möchte, ideal wäre es, wenn man dies völlig vom Hundeführer trennen könnte und ein Gegenstand das Leckerchen „anonym“ abdeckt.

Führt man das Spiel richtig durch, bekommt der Hund keinen Stress und zeigt auch nicht – wie auf vielen Videos zu sehen – deutliches Meideverhalten. Sicherlich ist das individuell abhängig, der eine Hund fühlt sich eben schneller unter Druck gesetzt und guckt vorsichtshalber weg, selbstsichere Hunde starren dabei gerne das Leckerchen an und schalten nicht ab, sondern konzentrieren sich  darauf, sich zu beherrschen. Wenn der Hund aber bei diesem Spiel schon von vornherein erstarrt und ihm die Situation deutlich unangenehm ist, dann hat das weder mit Impulskontrolle zu tun (er hat nur gelernt, dass er etwas nicht ohne Erlaubnis nehmen darf), noch mit dem „It’s your choice“ game, denn „game“ heißt „Spiel“, und wenn der Hund sich dabei abschaltet, spielt er offenbar gar nicht mehr mit.

Ich bin niemand, der anhand einer zwei-Sekunden-Szene in einem Video das ganze Verhältnis zwischen HF und Hund beurteilt und gleich noch einen Therapieplan hinterher schiebt. Aber die Verbreitung einer guten Methode führt leider immer auch dazu, dass sie in den falschen Händen falsch umgesetzt wird, so dass ihr Zweck verloren geht und das Training seinen Sinn verfehlt. „Aber ich mache doch nur, was xy sagt/macht!“ , ist dann vielleicht die Begründung. Und so kann ich mir gut vorstellen – auch wenn diese Methode nicht von mir stammt, ich sie aber gerne anwende und vermittle – , dass die „Urheber“ einer neuen, gut gemeinten und an sich perfekten Methode manchmal verzweifeln, wenn sie sehen, was daraus gemacht wird und sie der Geister, die sie riefen, nicht mehr Herr werden.

Die Heilige Kuh „Freispiel“

Etwas verzweifelt, da aussichtslos, suche ich derzeit eine Welpenstunde, in der den Welpen kein Freispiel gewährt wird.

Oh Gott!„, kann ich die Entsetzensschreie an den Bildschirmen förmlich hören, „Der arme Welpe!“  Tatsächlich gibt es aber mehr als einen guten Grund, einem Welpen nicht diesen längst überholten Unsinn zuzumuten und einige dürfen hier gerne nachgelesen werden. Wie für alle meine Texte gilt: Kopieren (oder verändert weiterverwenden) bitte nur auf Nachfrage. Ich möchte auch nochmal darauf hinweisen, dass ich als BlauerHund Trainer hier natürlich mit dem BlauerHundKonzept konform gehe und ich diese Sichtweise zum großen Teil Rolf C. Franck verdanke.

1) Das Freispiel stellt eine große körperliche Belastung für den kleinen Welpen dar. Es macht wenig Sinn, Sprünge im ersten Lebensjahr peinlichst zu vermeiden und die Spazierminuten auf das Wochenalter abzustimmen (gut, es soll Leute geben, die sich auch daran nicht halten), wenn die lieben Kleinen dann 45 bis 60  Minuten lang Bodychecks und Rennspiele einüben, und Purzelbäume schlagen dürfen. Schon mancher Welpe ging lahmend aus der heißgeliebten Welpenspielstunde – mögliche Folgeschäden an den zarten Gelenken oder Knochen nicht ausgeschlossen. Merkt man aber erst Monate (oder Jahre) später…

2) Das Freispiel stellt eine große psychische Belastung für den Welpen dar. Gerade noch behütetes Einzelkind auf Muttis Arm, bebt die Erde plötzlich unter dem Ansturm 16 Wochen alter Labbi-Welpen (nichts gegen Labbis)! Bevor sich Welpi richtig verhalten kann, liegt er schon am Boden, das „schöne“ Spiel beginnt! Mit korrekter, hündischer Körpersprache und Mimik kommt man in diesem Umfeld nicht weiter, kein erwachsener Hund setzt hier Grenzen, kein subtiles Hochziehen der Lefzen bremst die anderen aus. Hier heißt es: Rüpeln oder gerüpelt werden und ein schüchterner Hund lernt hier, dass andere Hunde ziemlich scheiße sind, wohingegen ein ohnehin schon taffer Welpe Mobbing und Nach-vorne-Gehen perfektionieren kann. Wenn man dann auch noch an einen Trainer gerät, der mit hirnlosen Sprüchen wie „das müssen die untereinander ausmachen“ oder „nicht helfen, das bestätigt ihn nur in seiner Angst“ daher kommt, dann lernt Welpi zudem, dass auf Frauchen absolut kein Verlass ist. Bindung ade!

3) Im Freispiel lernt der Welpe keine sozialen, sondern asoziale Umgangsformen. (S.o.) Frontales Aufeinanderzubrettern ist in der Hundewelt eher unüblich. Eine anständige Begegnung läuft so ab, dass sich ein Hund dem anderen möglichst nicht frontal und nicht allzu schnell nähert. Manchmal wird sogar am Boden geschnüffelt, als hätte man den anderen noch gar nicht gesehen, alles geschieht ruhig und beiläufig. Ein Welpe wird sich vor fremden Hunden lieber von seiner Schokoladenseite zeigen (d.h. von der Seite oder Bauch nach oben), heftig wedeln und extrem kleine Brötchen backen. Hat er aber in der Welpenstunde erfolgreich verinnerlicht, dass mit dem Anblick anderer Hunde quasi das Hallali zum Spielangriff geblasen wurde, haben wir distanzlose, dumme Welpen, die begeistert auf alle anderen Hunde zurennen – und ein entsprechendes Echo erhalten. Wenn sie das vertragen.

4) Im Freispiel lernt der Welpe, dass Frauchen oder Herrchen eine ziemlich langweilige Nummer ist. Natürlich sehen rennende und tobende Welpen begeistert aus und manche von ihnen (die, die nicht gemobbt werden zumindest), haben sicher ihren Spaß. Und man will ja kein Spielverderber sein… Aber während die Hunde voll aufgeputscht durcheinander rennen, kommt plötzlich wie aus dem Nichts eine Stimme, die immer lauter (und verzweifelter) „Fiffi, hier!“ ruft. Aber Fiffi hat gerade soooo viel Spaß und wird den Teufel tun, ausgerechnet jetzt das Spiel zu unterbrechen, um sich einen doofen, trockenen Krümel Futter abzuholen (gibt’s später für umsonst im Napf!). Und so lernt Fiffi, dass die Welpenstunde Spaß macht, solange sie nicht sinnlos von Frauchens Rufen unterbrochen wird. Ganz nebenbei lernt Fiffi auch, sowohl seinen Namen als auch das Abrufkommando komplett zu ignorieren und für alle Zeiten dieses menschliche Hintergrundrauschen erstmal auszublenden. Der Gipfel ist dann noch, wenn Frauchen versucht, Fiffi irgendein lahmes Spielzeug ins Maul zu schieben, und meint, das wäre jetzt gerade so lustig wie das Herumrennen. Wer seinem Welpen Freispiel gewährt, sollte dann lieber gleich Kaffeetrinken gehen und den Welpen erst wieder einsammeln, wenn er am Ende der Stunde platt am Boden liegt.

5) Im Freispiel lernt Frauchen/Herrchen…äh: Nichts! Anstatt gerade diese ersten Wochen zu nutzen und vor allem Ersthundebesitzern zu zeigen, wie man dem Hund beibringt, mit Frauchen zu spielen, an lockerer Leine zu laufen, immer zuverlässig zu kommen, ein wenig Sitz, ein bisschen Platz und vor allem wie man ihm hilft, ganz viele neue Eindrücke durch Begegnungen mit verschiedenen Menschen und Hunden (nach sinnvollen Spielregeln!) zu gewinnen, lernt der Mensch, dass der Trainer mehr weiß als er, dass der Welpe macht was er will, sobald andere Hunde anwesend sind, und dass er nach der Welpenstunde schön lange schläft. Der Welpe lernt (s.o.), seinen Namen zu ignorieren, dass Abrufen scheiße ist, und kein Mensch oder Spielzeug der Welt andere Hunde ersetzen kann. Vertane Zeit, vergebene Chance, rausgeschmissenes Geld.

Bin ich also absolut und kompromisslos gegen das Freispiel? Das kann ich mit einem klaren „Jein!“ beantworten! Eine „normale“ Welpenspielstunde würde ich keinem nagelneuen, heißgeliebten Welpen mehr zumuten. Stattdessen würde ich  meinem Welpen immer ganz viel Hundekontakt unter meiner Supervision erlauben, sprich er/sie sollte lernen, wie man sich anständigen Hunden gegenüber anständig nähert und wenn dann ein kurzes Spiel daraus entsteht, umso besser!  Hunde, die ich nicht kenne oder einschätzen kann, kämen nicht mal in die Nähe meines Welpen.

Zudem würde ich Welpi gelegentlich gezielt mit einem oder zwei Welpen (auch wieder unter meiner Aufsicht) kurz spielen lassen, am besten auf einem Spaziergang, auf dem alle in Bewegung sind. Zwischendurch kann man durch Abrufen unterbrechen und das Spiel beenden, lange bevor sich die Welpen in Ekstase gespielt haben und noch abrufbar sind. Merke ich, dass diese Ablenkung für meinen Welpen zu groß ist, sammele ich ihn kommentarlos ein und beende das Spiel. Da es mir wichtiger ist, dass mein Welpe auch in Anwesenheit anderer Hunde noch mit mir arbeiten will, nutze ich dagegen jede Gelegenheit, mit meinem Welpen in einer Gruppe mit anderen Hunden zu trainieren.

Das heißt: Sozialkontakte sind für unsere Hunde wichtig und unersetzlich, das Freispiel in der Welpenstunde nützt aber weder der Erziehung  des Welpen, noch der Erziehung zu sozialem Verhalten und schon gar nicht der Bindung zu seinem/n Menschen und ist zudem gesundheitlich nicht unbedenklich. Gerade weil ich möchte, dass meine Hunde sich auch als erwachsene Hunde noch mit möglichst allen anderen Hunden gut verstehen, sich instinktsicher verhalten und ich ihnen Sozialkontakte erlauben kann, suche ich weiter nach einer Welpenstunde OHNE Freispiel.